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Das Februar-Märchen 2021

Jockel

Auszug aus dem Buch: "Die Märchen-Omi erzählt:

Berlin Du Stadt Chislaweng, Gemütlichkeit, Radau und Peng!"

ISBN: 9783-930768-6-60

 

Es war einmal ein gewaltiger, einflussreicher, tonangebender und großmächtiger Kriegsherr, der über ein Volk herrschte, das ihm bereitwillig untertan war und tagein, tagaus seine Schönheit und seinen Mut bewunderte. Jeden Morgen begab sich Jockel daher auf eine ansehnliche Anhöhe, von der aus er sein ganzes Reich überblicken konnte und ließ froh und unbeschwert seinen wohlbekannten und beliebten Sieges-Schrei erschallen. Hier auf der obersten Spitze fühlte er sich wohl, hier gehörte er hin, hier war er das absolute und alleinige Staats-Oberhaupt, denn dies war sein Grund und Boden und kein Gericht der Welt konnte ihm diesen Platz streitig machen. Nicht einmal das Katasteramt durfte sich hier einmischen, auch keine Behörde der Welt war für diesen Besitz zuständig, diese Anhöhe unterstand einzig und alleine nur ihm! Sie hatte auch bisher alle Unwetterkatastrophen, Revolutionen, Kriege sowie Grenzverschiebungen überlebt und galt daher schon seit sehr vielen Generationen als uneinnehmbar. Jockels Spitzenposition war daher auch niemals ernstlich gefährdet, denn es gab immer genügend Menschen, die dafür sorgten, dass dieser Hügel von Jahr zu Jahr höher und größer wurde.  Er hatte daher auch keinerlei Bedenken, jemals arbeitslos zu werden, denn es wurde so viel Mist in der Welt fabriziert, dass er voller Besitzerstolz jeden Tag auf seinen eigenen Misthaufen hinunter blicken konnte.

Jockel war nämlich der einzige Hahn auf einem stattlichen Bauernhof und somit rechtmäßiger Besitzer eines großen Misthaufens und äußerst ansehnlichen Hühnervolkes, das ihn grenzenlos liebte und verehrte.

Er lebte in seiner heilen Welt, begrüßte jeden neuen Morgen aus voller Kehle mit lautstarkem Krähen, ließ stolz seinen Kamm anschwellen, spreizte seine bunten Federn, drehte sich in die richtige Position und fühlte sich bedenkenlos und völlig selbstverständlich als Hahn im Korbe.

Dieses Gefühl des Glückes wäre Jockel auch niemals untreu geworden, wenn seinem Schöpfer nicht ein entscheidender Fehler unterlaufen wäre!

Er hatte leider außer Jockel auch noch anderen Hähnen das Leben geschenkt und das konnte niemals gut gehen, denn ein richtiger Hahn weiß natürlich, was er sich und seinem Volk schuldig ist und kämpft und streitet für seinen Besitz.

Macht und Schönheit werden bekanntlich nicht gerne geteilt und ein Hahn ist für ein Volk völlig ausreichend!

So entschied jedenfalls Jockel und rupfte seinem neuen Kollegen, der eines Tages auf dem Hof erschien, sämtliche Federn aus.

Er plusterte sich mächtig auf, hackte auf ihn ein und gab nicht eher Ruhe, bis sein Rivale wie ein geölter Blitz, panikartig die Flucht ergriff und sich aus dem Staube machte.

Danach kehrte er wieder siegreich auf seinen Misthaufen zurück und krähte seinen Erfolg noch unüberhörbarer und eindringlicher als bisher in die Welt hinaus.

Trotz seiner mit viel Erfolg angewandten Hack- und Rangordnung konnte Jockel nicht verhindern, dass einige der anderen Hähne auch Karriere machten.

Sie konnten sogar noch höher empor fliegen und schafften es bis zu den Kirchturm-Spitzen des Landes. Von dort oben zeigten sie aller Welt an, woher der Wind wehte. Diese Hähne waren naturgemäß sehr geachtet, weil ihre Vorhersagen immer stimmten! Sie waren sich nämlich alle in einem Punkt einig, niemals etwas Unüberlegtes hinaus zu krähen und sich immer streng an das erste und oberste Gebot zu halten, das so lautet:

„Du musst Dich immer

mit dem Winde drehen,

damit es Dir wohl ergehe

und Du allzeit auf der Höhe bleibst!“

Diese Kollegen waren für Jockel unerreichbar und unantastbar und er ließ sie daher auch großmütig gewähren, denn sie waren zum Glück keine echte bedrohliche oder ernsthafte Gefahr für sein Volk und seinen Misthaufen. Sie verbrachten nämlich die allermeiste Zeit damit, sich in schwindelnden Höhen um sich selbst zu drehen.

Dadurch hatten sie auch ihr natürliches Krähen verlernt, ließen meistens nur noch ein klägliches, jammervolles und verrostetes Knarren hören und konnten daher auch nicht mehr zu den echten Streithähnen gezählt werden.

Aus diesem Grund schenkte Jockel ihnen auch kaum noch Beachtung und widmete sich ungestört seinem eigenen Mist.

Der Konkurrenzneid allerdings zwang auch ihn, eine Methode auszuklamüsern, um ebenfalls auf sich aufmerksam zu machen.

Er wurde daher kräh-ativ und entwickelte für das einfache Landvolk die Wettervorhersage.

Natürlich hielt er sich, genau wie seine Kollegen, immer an das erste und oberste Gebot, niemals etwas Unüberlegtes hinaus zu krähen. Keiner wunderte sich daher auch über seine berühmte und immer zutreffende Vorhersage:

„Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,

ändert sich das Wetter

oder es bleibt wie es ist!“

Diese Aussage hat bis heute an Aussagekraft nichts eingebüßt und wird sogar in seriösen Büchern abgedruckt.

Das Hühnervolk beteiligte sich an den Macht-Kämpfen von Jockel nicht und war stets froh und dankbar, wenn es unbehelligt unterhalb seines Mist-Haufens, die eigene Nahrung suchen durfte.

Dies war völlig in Ordnung, denn die Hühner-Schar liebte die Bequemlichkeit und legte daher keinen Wert darauf, sich unnötig zu beschmutzen oder zu verunreinigen.

Beim Aufstieg nach oben blieb erfahrungsgemäß nämlich immer etwas Mist an den eigenen Füßen kleben und das blieb ihnen bei ihrer Methode zum Glück erspart.

Sie waren ihrem Herrscher daher willig untertan und führten ein unauffälliges und zufriedenes Schatten-Dasein, das sie auf die Dauer aber wohl doch nicht so recht befriedigte, denn sonst wären sie wohl kaum eines Tages auf die unsinnige Idee gekommen, nach jedem gelegten Ei ein weithin hörbares und nicht enden wollendes Gegacker anzustimmen, denn das tägliche Eier-Legen war im Prinzip ja ihr ursprünglicher Lebenssinn sowie auch ihre Berufung und ihr Schicksal.

Da aber Jockel fortwährend krähte, um auf sich aufmerksam zu machen, blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als sich ebenfalls lauthals mit irgendeiner Aktivität bemerkbar zu machen.

Nach dieser Erfindung fühlten sie sich dann auch tatsächlich befreit, beruhigt, entspannt, erlöst und  gleichberechtigt!

Durch diese Ereignisse ist es verständlich, dass bis heute auf Hühnerhöfen ein fortwährendes Gezeter, Gekrähe und Gegacker herrscht. Jeder steht doch letztendlich unter dem Leistungs-Zwang, sein Bestes zu geben und alle anderen auch noch zu übertönen.

Wirklich keine leichte Aufgabe!

Offensichtlich auch keine, die nur Hühnerhöfe betrifft, denn schließlich sind alle Menschen täglich lautstarken Querelen ausgesetzt, auch wenn weit und breit kein Hühnervolk zu sehen ist!

 

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